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Au Pairing Inspiration

step by step

Rückblick…

 

Nach dem Gespräch treffe ich mich mit einer guten Freundin und Kollegin in unserem Stammrestaurant. Linda und meine andere Cousine Karina kommen auch gleich. Erst einmal ein großes Glas Wein, auf diese Erleichterung wird heute Abend angestoßen!! Und ein deftiges Abendessen gönne ich mir auch. Ich fühle mich so gut, so frei und erleichtert wie schon lange nicht mehr. Meine Freundin freut sich für mich mit aber natürlich ist sie auf der anderen Seite auch etwas traurig, dass ich gehen werde.
Traurig werde ich auch sein, keine Frage, aber im Moment überwiegt die Aufregung wegen all dem, was nun auf mich zukommt. Es wird stressig, zu planen, zu organisieren, zurück zu meinen Eltern zu ziehen und gleichzeitig noch zu arbeiten. Aber egal, ich habe nur das Ziel vor Augen: meinen allerletzten Arbeitstag und danach endlich wieder mein inneres Gleichgewicht zu finden. Ich brauche Abstand von der Arbeit hier und hey, mehr Abstand als zwischen Australien und Deutschland gibt es nicht, oder? Ich freue mich so auf das Meer, die Sonne, die „easy going“ – Mentalität und darauf, durchatmen zu können.
Heute komme ich aus dem Strahlen nicht mehr heraus und so haben wir einen schönen Mädelsabend, mit einigen Gläsern Wein und sehr gutem Essen, viel Gelächter und tiefgründigen Gesprächen. Ich genieße jede einzelne Sekunde und gucke mir meine Freundinnen ganz genau an. Ich versuche mir jedes Merkmal einzuprägen, die Sommersprossen zum Beispiel und ich genieße es, sie kichern und sprechen zu sehen, denn das sind Erinnerungen, die ich ebenfalls in meinen Koffer packen werde. Ein Jahr ist gar nicht so lang, sage ich mir. Oder? Aber Erinnerungen an solche schönen Momente kann man nicht genug mitnehmen.

Die nächsten Tage und Wochen verbringe ich weiterhin mit Recherchen, Telefonaten und Papierkram. Das ganze „Projekt Australien“ fing eigentlich damit an, dass ich mir dachte „Du kannst ja mal ein paar Informationen einholen und schauen, wie viel Arbeit es wäre und was alles auf dich zukommen könnte“… und hier sitze ich nun: mit Nina vor dem Laptop, um mein Visum zu beantragen. Jetzt, da die Kündigung ausgesprochen, und mittlerweile auch an die Pflegedienstleitung, sowie per Mail an die Personalabteilung geschickt wurde, kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Wir sitzen vor dem Laptop und ich verstehe nur Bahnhof. Irgendwie bin ich nicht aufnahmefähig. Zu groß ist die Aufregung und die Anspannung und der Stress auf der Arbeit kommt ja auch noch hinzu. Nina erklärt mir, dass ich mir einen Immi – Account anlegen muss auf der offiziellen Seite der Visabehörde in Australien (australia.gov.au/…s/immigration-and-visas ), alles ist natürlich in Englisch. Mir qualmt der Kopf, ganz schön kompliziert, wenn man so etwas zum ersten mal hört. Wir klicken uns durch alle Punkte und dann geht es an die Beantragung des Visums. Passiert das gerade wirklich? Nina strahlt mich an und ich bemerke, dass auch ich bis über beide Ohren grinse. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich! Ich muss einen Haufen Fragen beantworten, einige davon sind so banal, dass ich schmunzeln muss. So zum Beispiel die Fragen zu eventuell bestehenden Vorstrafen. Alle Fragen sollte man natürlich mit nein beantworten. Und was, wenn ich welche hätte und trotzdem mit nein antworten würde? Ich muss kichern, auch wenn es eigentlich keine besonders lustige Frage ist. Ich fühle mich aufgedreht. Am Ende muss ich noch meine Kreditkarten Informationen angeben, um die Beantragung des Visums zu bezahlen. „Schwachsinn, und wenn sie es nicht genehmigen?“, frage ich. „Ja, dann hast du das Geld umsonst bezahlt“, Nina zuckt mit den Schultern. „Keine Sorge, es kann einige Stunden bis Tage dauern, aber ich bin mir sicher, dass du es bekommst!“ Ich hoffe es. Einige Minuten später habe ich alle Angaben gemacht und gefühlte 100 Mal ( hallo Zwangsstörung ) überprüft und wir sitzen vor dem Absenden Button. Die Aufregung steigt. „Okay ich schicke es jetzt ab.“ – „Jaaaa, mach endlich!!“, Nina und ich grinsen uns an. Abgeschickt!!! Unmittelbar danach blinkt mein Email Postfach auf: 2 neue Nachrichten. 2? „Ninaa, ich hab 2 neue Emails von denen.“ – „Ja super, öffne sie! Es wird noch nicht die Genehmigung sein, ich musste einige Stunden warten. Aber es ist bestimmt die Bestätigung der Beantragung und vielleicht eine Rechnung.“ – „Okay“, meine Hände sind schwitzig. Oh mein Gott: GRANTED (genehmigt)!!!!!  „Was? Wow, du hast ja ein Glück! Das habe ich noch nie gehört, dass jemand es sofort genehmigt bekommen hat! HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!!“ Ich kann es gar nicht fassen. Das ging wirklich schnell. Wow! 

Am nächsten Tag gehe ich strahlend zur Arbeit. Eigentlich gehe ich immer strahlend ZUR Arbeit. Es dauert aber meistens keine 2 Minuten nachdem ich durch die Tür gegangen bin und meine Laune wird getrübt. Heute ist es nicht so. Ich habe mir fest vorgenommen, dass mir niemand heute meine Laune verderben kann und glücklicherweise ist der Dienst auch ganz angenehm. Danke!
Wir sind heute eine wirklich coole Truppe, alle Kollegen im Dienst sind gute Freunde und wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können, egal was kommt. Egal wie stressig es manchmal ist, wir wissen, dass immer jemand helfen würde, selbst wenn derjenige selbst das Wasser bis zum Hals stehen hat. So macht die Arbeit Spaß! Kein Motzen, kein Verdrehen der Augen, keine betretende Stille beim Einteilen der Patienten. Wenn wir zusammen im Dienst sind, funktioniert es einfach. Natürlich rettet das manchmal die Lage auf der Station nicht, aber immerhin fühlt man sich etwas besser mit den richtigen Kollegen im Dienst und man hat ein Lächeln auf den Lippen, selbst wenn man nicht mehr weiß wo vorne und hinten ist. Es macht einfach einen riesigen Unterschied, ob deine Kollegen aus jeder Situation versuchen, das beste zu machen und vielleicht sogar noch ein paar Witze auf Lager haben oder ob deine Kollegen nur motzen, stöhnen und genervt aussehen!
Fröhlich verkünde ich dann in der Pause, die wir ausnahmsweise mal beinah alle zusammen verbringen können, dann meine Neuigkeit. Sie schauen mich mit einer Mischung aus Neugier und Bedauern an. Natürlich freuen sie sich für mich, aber sie scheinen auch etwas traurig zu sein, dass ich gehe. Mir ist an dem Tag noch nicht klar, welche Auswirkungen das noch auf mich haben würde.
„Ich werde euch auch vermissen, aber ich muss endlich auch einmal an mich denken. Ich bin hier einfach nicht mehr glücklich! Die Ausbildung war die Hölle für mich und als ich hierher kam, wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Ich brauche dringend eine Pause!“, sage ich zu ihnen. „Du machst es richtig“, antwortet eine meiner Freundinnen. „Ich hätte es doch auch so gern gemacht, aber ich hatte ja schon meinen Freund und das hätte ich dann einfach nicht gekonnt. Du bist noch so jung und du wirst lange genug einen Partner haben! Genieß‘ die Zeit, in der du so etwas nur für dich machen kannst!“. Wie Recht sie hat. Ich grinse sie zustimmend an.

Bei einem Team von über 60 Leuten, dauert es einige Wochen, bis wirklich alle Bescheid wissen. Immer und immer wieder wiederhole ich meinen Text, der mittlerweile wie auswendig gelernt aus mir herauskommt. Manchmal muss ich beinahe lachen, weil ich die gleiche Geschichte zum 5. Mal am selben Tag erzähle, aber es macht mir überhaupt nichts aus. Viel zu aufgeregt bin ich und die Freude überwiegt auch einfach.
„Und Linda? Bleibt sie in eurer Wohnung?“, fragen die meisten gleich im Anschluss. „Nein, wir wollten räumlich sowieso getrennte Wege gehen in Zukunft. Wir haben jetzt 5 Jahre zusammen gewohnt und langsam wird es für uns Zeit, auch einmal alleine zu wohnen.“, antworten wir der Wahrheit entsprechend. Einige unserer Kollegen scheinen zu denken, dass wir eine Art „Ehekrise“ unter Freundinnen/Cousinen haben, aufgrund dieser Antwort. Dabei ist es einfach die Wahrheit. Alle kennen uns nur als doppeltes Lottchen oder als Hanni & Nanni und das sind wir auch weiterhin. Aber darf man sich nicht mehr genauso lieb haben, selbst wenn man sich dazu entscheidet mit Mitte 20 dem WG Leben ein Ende zu bereiten? Das Problem unserer Gesellschaft heutzutage ist es glaube ich, dass die meisten eher den einfacheren Weg gehen würde, weil wir Menschen Gewohnheitstiere sind. Und wenn dann einmal einer von uns etwas unerwartetes tut und der Gewohnheit entfliehen möchte, scheinen die anderen Gewohnheitstiere manchmal etwas Panik zu bekommen und rechnen direkt mit dem Schlimmsten. Dabei sollten wir doch alle einmal tief in uns hinein horchen und herausfinden, was unsere eigenen, persönlichen Träume und Ziele sind. Egal wie sehr man einen Menschen liebt, sollte man wirklich wegen diesem dem nicht nachgehen?
„Und hat sie denn schon eine neue Wohnung gefunden?“, werde ich weiter verdutzt gefragt. Ohje, die sensible Frage des Monats. Sie setzt nicht nur Linda zu, sondern auch mir. Mein schlechtes Gewissen frisst mich von innen heraus auf, wenn ich daran denke. Meine Planung läuft super und ich komme jeden Tag weiter voran und die arme Linda? Verzweifelt bei der Wohnungssuche und mittlerweile haben wir schon Ende September. Alle bisherigen Besichtigungstermine waren irgendwie ernüchternd und wenn wir dann einmal eine gefunden haben, die nahezu perfekt gewesen wäre, dann war sie entweder zu teuer oder wurde von jemand anderem weg geschnappt. Natürlich wissen wir, dass das der normale Mietwahnsinn ist, aber irgendwie ist es trotzdem ermüdend und kann einem jede Menge Schlaf und Nerven kosten. Aber wir versuchen uns davon nicht unterkriegen zu lassen, denken positiv… naja zumindest 99% der Zeit und wir versuchen, jeden Tag neu zu nehmen wie er kommt! Tag für Tag – step by step

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