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Au Pairing

Alltag, Kapitel 1 – rush hour

5:50 Uhr, mein Wecker geht das erste Mal. Nein. Wie kann man nur so müde sein? Ich dachte, wenn ich erst einmal einen normalen, gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus habe hört diese Müdigkeit endlich auf. Aber Fehlanzeige. Ich drehe mich noch einmal um. 10 Minuten habe ich noch. Ich höre draußen leises Rascheln. Michelle scheint in der Küche zu sein, um ihre Sachen für die Arbeit zu packen. Ich schlummere noch einige Minuten, stelle meinen Wecker immer wieder aus, da ich ungefähr 6 Stück im 5 – Minuten – Takt habe. Dann höre ich leichtes Trippeln draußen. Harper scheint aufgestanden zu sein. Dann ein Klirren, der Toilettendeckel. 1 Minute später erneutes Trippeln und ein dumpfes Klopfen gegen meine Tür. „Anna?“
Ich stehe auf, zieh mir einen Pulli über und öffne die Tür. „Guten Morgen Harper, hast du gut geschlafen?“, ich nehme sie in den Arm und sie nickt als Antwort. Ich gebe ihr einen Kuss auf ihr Haar. Ist sie wieder ein Stückchen gewachsen? „Frühstück?“, frage ich sie. Wieder ein Nicken als Antwort. Sie reibt sich die Augen. Es sind mittlerweile 6:30 Uhr. Noah scheint noch zu schlafen. Bloß nicht aufwecken, denke ich mir. Ich wechsel meine Leggins und ziehe schnell eine Jeans an.
Dann gehen wir in die Küche, Harper legt sich auf die Couch. „Ist dir kalt?“ Morgens wird es jetzt immer kälter. Es sind immer noch rund 20 Grad, aber es fühlt sich ungefähr 10 Grad kälter an. Seltsam wie schnell man sich an das Klima eines Landes gewöhnen kann. Jenni, meine Au Pair Freundin, erzählte mir vor einigen Tagen, dass es in Finnland bis zu -38 Grad wird im tiefsten Winter und dass das ganz normal für sie sei. -38 Grad, ich würde erfrieren!! Wieder nickt Harper und ich stelle den Heizofen an. Mir ist auch kalt, deshalb mache ich mir erst einmal einen Cappuccino.
„Was würdest du gerne zum Frühstück essen, Harper?“ Keine Antwort. „Harper?“ Keine Antwort. Ich verdrehe die Augen und hole 2 Plastik Schüsseln aus dem Schrank. Ich öffne den Vorratsschrank. „HARPER, was würdest du gerne frühstücken? Ricebubbles oder Kelloggs?“, Harper sieht mich verschlafen an. „Hmmmmm…. (Pause)…. ich hätte gerne… (Pause)…. hm….. Kellogs!“, ich stehe mittlerweile seit 5 Minuten vor dem offenen Schrank. „Okay.“ – „Oder nein, eigentlich hätte ich gerne Ricebubbles!“ – auch gut. 
Ich stelle die volle Schüssel auf ihren kleinen Tisch. „Hier bitte, was sagt man?“ – „Danke Anna“, antwortet sie. 6:45 Uhr, ich nippe an meinem immer noch zu heißen Cappuccino. Morgens ist es immer am stressigsten, aber wenn Harper erst einmal in der Schule ist und ich ihr mit Noah tschüss sage, sie uns umarmt und sagt wir sollen nicht gehen, ist das alles wieder vergessen. Diese kleinen Teufel sind jetzt ein Teil meines Lebens und egal wie anstrengend es oft ist, ich liebe sie sehr. Oh Gott, du hörst dich an wie eine Mum!
Harper spielt mit einem Kuscheltier, ein Hase, den sie zu Ostern von ihrem Buddy in der Schule bekommen hat. Harper ist in der Kindergarden – Klasse, so eine Art Vorschul – Klasse an der Schule und jedes Kind in dieser Klasse bekommt einen Buddy zur Seite, der ihnen alles zeigt und die Pausen mit ihm verbringt. Harper’s Buddy schenkt ihr immer etwas kleines zu besonderen Anlässen, wie z.b zu ihrem Geburtstag oder zu Ostern.
„Harper, konzentriere dich bitte auf dein Frühstück! Wir müssen uns beeilen, denk daran“, sage ich immer und immer wieder zu ihr, denn spielen mit dem Hasen ist gerade weitaus interessanter als ihr Frühstück. 7:00 Uhr.
„Muuummmmmmyyyyyyyy…………..                                       MUUUMMMYYYYYY …………………..                                                                 MUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUM“, tönt es in dem Moment aus Noah’s Zimmer. Dann ein Poltern, Noah scheint mit seinen Füßen gegen die Wand zu treten. „Daddy?………… DAAAAAAAAAAAAAAAAAD? DAAAHAAAAADDDYYYYYY!!!!!!!!!!!!!“ Jaja, ich bin zwar weder Mummy, noch Daddy, aber ich komme ja schon. „Okay Harper, iss dein Frühstück, ich hole Noah!“, sage ich zu Harper. „Ich komme mit!“, sagt sie und springt auf. „Nein Harper, du isst bitte dein Frühstück und ich hole ihn nur schnell aus seinem Bett. Wir müssen uns beeilen, du bist sehr langsam heute morgen Süße.“, antworte ich mit etwas zu viel Nachdruck in meiner Stimme. „Aber Anna…..i“, fängt sie wieder an. „Nein Harper!!! Tut mir Leid. Wir haben keine Zeit dafür.“
Ich gehe zu Noah’s Zimmer, öffne die Tür und mache sein kleines Licht an. Verschlafen blinzelt er mich an. „Sissyyy!!“, ruft er, denn Harper steht plötzlich hinter mir. Na super. Ich verdrehe innerlich die Augen. „Hey Harper, Lust auf ein Rennen?“, frage ich sie mit einer Betonung, dass man denken könnte, sie dürfe zwischen einem Berg an Eiscreme und einem Tag im Spieleland wählen. Harper’s Augen fangen an zu leuchten. „Oh jaaaa, und Zähneputzen ist auch Teil  des Rennens. Aber stell sicher, dass ich gewinne!“, ruft sie während sie in ihr Zimmer rennt. Keine halbe Sekunde später ruft sie: „Annnaaaaaaa ich brauche meine Socken und meine Schuhe noch!!“ Aaaaaaaaaaaaaah. Noah sieht mich erwartungsvoll an. „Anna?“, sagt er. „Ja bitte, Noah?“ – „mmmmmmmmhhhhhmmmmmmhhhhmmmm?!“, seine Antwort und dabei zeigt er mit dem Finger in die Mitte des Raumes. Was soll das heißen?
„ANNNNNNNNNNNAAAAAAAAAAAAAAAAA, meine Sockeeeenn!!!“, ruft Harper erneut. „Bin in einer Sekunde zurück“, sage ich zu Noah und renne dabei heraus in die Küche. Rennen ist Rennen. Ich schnappe mir die Socken, die Unterwäsche und die Schuhe, welche Michelle am Abend zuvor schon heraus gelegt hatte und laufe zurück in Harper’s Zimmer, die natürlich schon ausgezogen ist und mich anstrahlt. Pudelnudel steht sie vor mir und ich muss laut lachen. „Schau mal, wie weit ich schon bin!!!“, sagt sie singend. „Tooooooooll Harper, aber ist schon ein bisschen unfair, oder? Ich musste ja schließlich in die Küche rennen für dich.“, antworte ich. „Das war doch nur ein kleiner Trick, damit ich gewinne.“, sagt sie aufgeregt.
„Anna, ANNA, AAAAAAAHNNAAAAHHH!!!!!!!!!“, schreit Noah aus dem Nachbarzimmer. Herrgott. „Komme, Noah!“
Ich laufe herüber in sein Zimmer und öffne die Schubladen seiner Kommode. Hmm, wie kalt ist es? Eine lange Jogginghose und ein Longshirt gehen immer. Schnell noch Socken aus der anderen Schublade und die Schuhe aus dem Schrank, eine neue Windel und sein komisches Regengerassel – Schlaf – Geräusch auf dem Ipad ausgemacht. Wer kann so schlafen? Das hört sich eher an wie ein Wasserfall, der direkt neben dem Bett während eines starken Regens wild strömt.
„Noah, kann ich bitte deinen Schnuller haben?“, sage ich zu ihm und halte meine Hand hin. Er schaut mich nur misstrauisch an, ein Auge leicht zugekniffen. Okay, was soll der Blick jetzt? Ich halte mir ein Kichern zurück. Er soll mich ja ernst nehmen. „Soll ich wieder gehen und Noah schläft noch eine Runde?“, frage ich. „hmm…. ( wieder sein typischer Sound ) …. neeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeein!!!“, schreit er dann. „Okay, dann musst du mir deinen Schnuller geben, denn mit Schnuller kann man nicht aus dem Bett kommen!!“, gebe ich zurück. „Komm, schnell, Harper gewinnt das Rennen sonst.“
„Ooookaaay“, ( ich wünschte ich könnte ihn aufnehmen ), ist seine Antwort. Ich strecke ihm beide Hände entgegen, um ihn hochzunehmen und er nimmt ( nicht wirklich, aber es wirkt so ) Anlauf und springt in meine Arme. Oh mein Gott, wie viel wiegst du heute? 
Ich lege ihn hin und schaue noch einmal schnell auf die Uhr: 7:10 Uhr. „Okay Noah, Pyjama aus.“, sage ich. Seit ein paar Wochen gehe ich jeden Mittwoch mit Noah zur Sprachtherapie. So süß die Laute auch sind, die er so von sich gibt, ganz normal ist das für einen 2 Jahre alten Jungen nicht, dachten wir uns. Er kann nur vereinzelt Wörter sprechen, wobei es seit der Therapie immer besser wird. Mittlerweile kommen manchmal schon ein paar 2-Wort-Sätze heraus. Wir sollen jedenfalls, während 2 Routinen hauptsächlich (im Auto und beim An- & Ausziehen der Kleidung, war ja klar, dass das an mir hängen bleibt), bestimmte Wörter und Ausdrücke benutzen, damit er diese lernen kann. Ich komme mir dabei etwas dämlich vor, aber es klappt. Als ich dann Pyjama aus, Hose an, usw. mit allen Kleidungsstücken, inklusive Windel wiederholt habe und zu den Socken und Schuhen komme, sagt Noah „Schuh an“. yesss, es klappt!!, denke ich mir. An sagt Noah dabei sogar auf deutsch, was einfacher für ihn zu sein scheint, als on.
„Anna, du musst meinen Reißverschluss schließen!“, sagt Harper und steht plötzlich neben mir. Ich ignoriere sie. So nicht, Harper. „Den Reißverschluss!!“, versucht sie es noch einmal. „Bitte!! Anna, könntest du BITTE meinen Reißverschluss schließen?!“, entgegne  ich ihr und ziehe Noah weiter an, um ihr zu zeigen, dass sie erst bitte sagen muss. Dieses Spiel spielen wir jeden Morgen. „Anna, kannst du mir BITTE meinen Reißverschluss schließen?! Schnell! Ich gewinne!“, sagt sie hastig. Ich verdrehe sichtlich übertrieben die Augen. „Aber natürlich, SCHATZ.“, sage ich zu ihr und schließe den Reißverschluss ihres Kleides. Harper kichert. „Okay, Harper, schnell! Du hast fast gewonnen!! Nur noch Zähne putzen!“, sage ich zu ihr und sie läuft grinsend davon. Zu Noah sage ich: „Na los, du auch. Auf geht’s ins Badezimmer!“

Nachdem ich Noah mehr oder weniger gewaltsam die Zähne putzen musste und er natürlich gebrüllt hat wie am Spieß, sitzen wir mit Harper am Kindertisch. Ich versuche Noah beizubringen, mit einem Löffel seine Weet Bix ( ein australisches Frühstück. Sieht aus wie zusammengepresste kalte Kellogs. Mit Milch in die Mikrowelle und man hat: Pampe ) alleine zu essen. Klappt hervorragend, wenn man über die ganzen Milchpfützen auf dem Boden, auf dem Tisch und auf ihm selbst hinwegsieht. Aber was soll’s, die Hauptsache ist doch, dass er es übt. Ich versuche dabei, nicht die Geduld zu verlieren oder anzufangen, lauthals zu lachen. Harper sieht mich stirnrunzelnd an. „Da sind ja mehr Weet Bix auf dem Boden, als in seinem Mund!“, sagt sie. „Ja ich weiß“, antworte ich. „Aber er soll doch lernen, alleine zu essen, oder?“ Harper kichert. „Bist du fertig mit deinem Frühstück? Es sind schon halb 8! Wir müssen bald los.“, frage ich sie. „Ja, ich bin satt.“, antwortet sie. „Okay, dann hol bitte deine Bürste und deine Haarschleifen. Wir spielen jetzt Frisör.“ – „Oh jaaaaaa, gute Idee“, sie läuft ins Bad und kommt gefühlte 10 Minuten später erst wieder heraus. „Okay mein lieber Kunde, bitte nehmen Sie Platz auf diesem Stuhl“, sage ich und deute auf einen der Esszimmerstühle. Sie kichert wieder und setzt sich. Ich bürste ihre ultralangen, lockigen Haare und mache ihr einen hohen Zopf mit einer ihrer kleinen Haarschleifen, farblich passend zu ihrer Schuluniform, und flechte darunter einen Fischgrätenzopf. Der Hut wird so nicht wirklich passen, aber ich sehe täglich Mädchen mit solchen Frisuren. In Australien gilt Schuluniform-Pflicht und dazu gehört auch ein Hut und Sonnencreme! Ohne Hut und Sommercreme dürfen die Kids nicht draußen spielen. Michelle hat mir am Anfang erklärt, dass es in Australien eine sehr hohe Rate von Hautkrebs gibt und um diese zu verringern, gilt seit einigen Jahren diese Hut und Creme Pflicht an allen Schulen, sowie ein Verbot von Solarien. Ich halte Solarien in so einem Land wie Australien sowieso etwas für schwachsinnig, aber anscheinend bevorzugen die meisten Einwohner Fake-Bräune. Jetzt, da Solarien illegal geworden sind, laufen sie alle zu Beauty-Salons und lassen sich braun ansprühen.
Nachdem ich Harper und Noah dann mit 50+ Sonnencreme (im Herbst) eingecremt habe, haben wir mittlerweile 7:45 Uhr. Nicht optimal, aber immer noch so im Zeitrahmen, dass wir früh genug ankommen werden. „Auf geht’s kids, ab ins Auto.“
Gerade als ich Harpers Schultasche nehmen möchte, fällt mir auf, dass ihre leere Lunchbox noch davor steht. Oh Gott, wie müde war ich heute morgen? „Ups Harper, ich hab dein Essen vergessen. Silly (dumme) Anna. Wie wäre es mit Avocado Sandwich?“ Harper kichert. „Silly Anna“, wiederholt sie. „Ja, Avocado Sandwich ist mein Lieblingsessen.“ Hast du das nicht gestern über Honig auf deinem Toast gesagt? „Okay.“, ,sage ich lachend und schmiere ihr in Rekordzeit ihr Sandwich. Schnell noch eine Mandarine, Tomaten und etwas Popcorn als Snacks in die Dose, Dose eingepackt und dann ab zum Auto. 7:50 Uhr. War ja klar…

 

(Fortsetzung folgt…)

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